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Queere Kunst- warum wir zu lange weggeschaut haben

Queere Kunst! Die gab es schon immer. So, wie es auch schon immer Menschen gab, die sich als queer geoutet oder empfunden haben. Dennoch wird teilweise bis heute die queere Kunstgeschichte totgeschwiegen. Dabei gab es schon früher Codes, die Künstler:innen in ihren Bildern verwendet haben, um ihre sexuelle Orientierung auszudrücken. Wie sah queere Kunst früher aus? Wie wichtig ist die sexuelle Orientierung von Künstler:innen? Darüber rede ich in der aktuellen Folge des Minerva-Podcasts mit Katharina Faller*

Foto: Sappho und Lesbos, Antike Darstellung- Enge Freundinnen oder ein lesbisches Paar?

Die lila Jungs

Die Kunstgeschichte ist voller Darstellungen gleichgeschlechtlicher Paare, die man mit einem offenen Blick als queer bezeichnen würde. Häufig jedoch tun sich Kunsthistoriker:innen schwer mit diesem Begriff. Zwei sich küssende, nackte Frauen nennen sie lieber „enge Freundinnen“ oder „Vertraute“. Ein eng umschlungenes männliches Paar „Brüder“. Viele queere Beziehungen in der Kunstgeschichte auf der Leinwand oder von den Künstler:innen selbst, werden teilweise „aktiv unsichtbar gemacht“, sagt Katharina. Die bewusst auf ein rein freundschaftliches Verhältnis beschränkte Wortwahl schließt jegliche Überlegungen zu einer gleichgeschlechtlichen Beziehung von vornerein aus.

Dennoch gab es sie, queere Beziehungen und Personen, die Ausdruck auf der Leinwand gefunden haben. Da es aber häufig sehr schwierig, wenn nicht gefährlich war (und teilweise noch ist), sich als queer zu outen, benutzten Künstler:innen bestimmte Codes in ihren Bildern. „Es klingt klischeehaft, aber die Farbe Lila stand tatsächlich für schwule Männer, genauso wie ein offenes Hemd, auffälliges Schuhwerk oder ein Taschentuch. Lila Astern, die Blumen, waren das Symbol lesbischer Frauen“, erklärt Katharina. „Das sind zum Teil winzige Details, die man nicht erkennt, wenn man nicht von ihnen weiß!“ – oder sie werden als etwas komplett anderes interpretiert. So wird ein Taschentuch zum Abschiedssymbol und verlässt  schnell den queeren Deutungsraum. Klar, viele Künstler:innen wie etwa Lotte Laserstein, Frida Kahlo oder Michelangelo haben sich bis zu ihrem Lebensende nie öffentlich geoutet. Ihnen wird gleichsam nachgesagt, queer gewesen zu sein, ohne, dass man sie danach fragen könnte. Jedoch haben beispielsweise alle drei genannten Künstler:innen gleichgeschlechtliche Beziehungen und Affären geführt, von denen berichtet wird. Sie selbst haben sich aber nicht geoutet und somit kann man sie nicht einfach als queer betiteln. Doch beschäftigt man sich unvoreingenommen mit ihrem Privatleben, so ergeben sich völlig neue Erkenntnisse jenseits der heterosexuellen Ehen, die sie auf dem Papier führten, und plötzlich eröffnen sich neue Sichtweisen auf ihre künstlerischen Werke.

Foto: Herbert Rolf Schlegel, ohne Titel, vermutlich Selbstporträt, 1950- mit Lila als Codefarbe
Foto: Lila Aster, Blumenart und Codezeichen

Schwul, lesbisch, bi- ist das denn so wichtig?

Heutzutage geht es im öffentlichen Diskurs viel um Gender-Themen. Sei es in der Sprache oder den Chefetagen großer Betriebe- das Thema Inklusion und Gender Diversity ist omnipräsent. Warum also heutzutage immer noch so absolut zweifeln an homosexuellen Beziehungen wichtiger Künstler:innen? Macht ihre sexuelle Orientierung sie etwa zu schlechteren Künstler:innen? Sollte die sexuelle Orientierung von Künstler:innen, ob hetero, cis oder queer, überhaupt eine Rolle spielen? Hier wären wir bei der altbekannten Frage der „Trennung von Autor und Werk“, in diesem Fall der Trennung von Künstler:innen und Werk. Sowohl in der bildenden Kunst, wie auch der Musik und Literatur wird diese Frage immer wieder heftig diskutiert:

Werden Emil Noldes Bilder zu schlechten Werken, weil er Nazi war? Darf man  Micheal Jacksons Lieder hören, obwohl ihm Kindesmissbrauch vorgeworfen wird? Ist Lotte Lasersteins Bild mit Traute Rose, ihrer langjährigen Freundin und vermutlich auch Geliebten, anders zu betrachten, wenn man davon ausgeht, dass die Künstlerin lesbisch war?

Foto: Lotte Laserstein und Traute Rose, ihr Lieblinsgmodell und vermutlich auch Lebensgefährtin

Schwere Fragen. Die Frage von „Autor und Werk“ lässt sich nicht absolut beantworten. Letztendlich gehören Künstler:innen und Kunstwerk zusammen und gleichzeitig sollten „gute“ Werke auch selbstständig in der Kunstgeschichte wirken können. Sollte man nun also jedes Mal betonen, ob die Künstler:innen einer Ausstellung hetero- oder homosexuell, cis- oder trans oder queer sind? „Es kommt drauf an“, sagt Katharina, „wenn es in dem Werk der Künstler:innen keineswegs um Sexualität und Identität geht wohl eher nicht. Wenn die Kunst aber genau das zum Thema hat, dann sollte man die Künstler:innen fragen, soweit sie noch leben, wie und ob ihre sexuelle Orientierung genannt werden soll“. Bei bereits verstorbenen Künstler:innen bleibt uns allerdings nur sorgfältige Recherche, Mutmaßungen und die Betrachtung ihrer Kunst mit einem offenen Blick. Denn wer offen ist, der findet zwar nicht immer eindeutige, schubladengerechte Lösungen. Doch eröffnet sich ihm eine Bandbreite an möglichen Ansätzen und Betrachtungen, die das Gesamtbild letztendlich viel detaillierter und vielleicht auch wahrheitsgetreuer gestaltet.

Foto: Michelangelo, Erschaffung Adams, 1510, sind Michelangelos Figuren Objekte der Begierde? War Michelangelo schwul? Der Künstler hatte einige Beziehungen zu Männern, fragen können wir ihn heute jedoch nicht mehr.

Queere Kunst ist und bleibt also ein Thema, zu dem man auf Spurensuche gehen kann und bei dem noch viele Fragen ungeklärt sind, über die man stundenlang diskutieren kann. Ein persönlicher Einwurf der Autorin: „Tun wir es! Diskutieren und streiten wir über endlose Fragen wie die Trennung von Autor und Werk und finden wir Ansätze und Lösungen, die uns alle als Mitglieder der Gesellschaft zusammenbringen!“ Denn auch beim Thema queere Kunst, gibt es noch viel zu sagen, zu diskutieren und aufzuarbeiten.  

Die ganze Folge findet Ihr auf allen gängigen Podcastplattformen unter „Minerva- Kunst und Gesellschaft“. Auf Instagram gibt es außerdem Posts, Fotos und Stellungnahmen zum Thema unter: @minerva_podcast. Viel Spaß beim Hören!

*Katharina Faller

Ist Kulturwissenschaftlerin und hat gerade ihre Masterarbeit in Museumsmanagement- und -Kommunikation geschrieben. Auf Instagram postet sie regelmäßig auf ihrem Kanal @kategoesmuseum aktuelle News, Angebote und Termine zu queerer Kunst.

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Von Versailles, über Hitler bis Donald Trumps Wohnzimmer- Macht im Bild

Es geht um Geld, viel Geld. Um Herrscher, Könige und die einflussreichsten Leute der Geschichte. Aber vor allem geht es um Macht.

Von den Medici über Ludwig den XIV. bis Donald Trump. Sie alle haben sich die Kunst zu Nutze gemacht, um ihre Macht zu demonstrieren. Doch wie kann ein Bild überhaupt Macht ausdrücken? Warum ist Trumps Familienfoto so peinlich? Und wie können Bildermacher:innen ganze Nationen manipulieren? Darüber habe ich in der aktuellen Folge des Minerva Podcasts mit Pascal Heß* gesprochen.

Einen Superreichen oder eine Superreiche stelle ich mir so vor: riesige Villa, eine Yacht im angrenzenden Hafenbecken, teuren Schmuck, viele einflussreiche Bekannte, aber vor allem eine beträchtliche Sammlung an Kunstwerken, die von den einflussreichen Bekannten betrachtet werden kann. Einen Monet über’m Klo und einen Hirst in der Küche. Oder so ähnlich. Wer reich ist, ist in unserer Gesellschaft auch mächtig. Das war schon immer so und schon immer wurde die Kunst als Mittel angesehen, um Macht nach außen zu tragen. „Das ist auch gut so“, sagt Pascal, „man brauchte die vermögenden Familien, um die Kunst zu finanzieren. Botticelli war Hofmaler der Familie de‘ Medici. Ohne die Medici hätten wir heute nicht viele Bilder von Botticelli“.

Wer also eine Künstlerin oder einen Künstler engagiert, um Kunst zu machen, der hat Geld. Wie aber können Formen und Farbe auf einer Leinwand Macht ausdrücken?

Alles hat eine Bedeutung- machtvolle Details auf der Leinwand

Um die Macht von simplen Details zu verstehen, muss man den Blick auf einen der eitelsten und vermutlich selbstverliebtesten Herrscher Europas werfen: Ludwig den XIV. Auch bekannt unter dem selbst gewählten Titel „Sonnenkönig“. Blendend, strahlend, grazil, allem überlegen und machtvoll wollte Frankreichs ehemaliger König sein und stolzierte daher nicht nur in Versailles auf den höchsten Absätzen des Hofes. Auch auf den Porträts des schimmernden Königs trägt er hohe Absätze und lief vermutlich mehrmals Gefahr, sich mit der Perücke an diversen Kronenleuchtern zu stoßen… Heutzutage können wir seine Absätze allenfalls als frühe Bekenntnis zur Geschlechtergerechtigkeit auffassen. Damals jedoch spielten genau diese Absätze eine erhebliche Rolle. „Nur Ludwig der XIV. durfte so hohe Absätze tragen. Er hatte die höchsten Absätze am ganzen Hofe“, erklärt Pascal. Absatz und Perücke strahlen also Größe aus. Das ist noch leicht zu verstehen. Betrachtet man die  geschickte Bildinszenierung nun genauer, erfasst man die Säule im Hintergrund, deren Sockel hinter einem Vorhang hervorlugt. „Die Säule steht für Stabilitas, also Stabilität und Macht“, erläutert Pascal und lässt während er spricht ganz den begeisterten Hochschuldozenten zum Vorschein kommen. Die Krone hat Ludwig beiseitegelegt, er muss sie nicht einmal aufsetzen, um Herrscher zu sein. Der Hermelinmantel und das Zepter sprechen für sich.

Die Inszenierung von Bildern beherrscht die Kunstwelt schon seit Ewigkeiten. Einige eindeutige kunsthistorische Merkmale ziehen sich immer weiter durch die Darstellungen mächtiger Menschen unserer Geschichte. So auch bei Adolf Hitler.

Hitler- Meister der Bildinszenierung

Auch, wenn es manch einem etwas weh tut, es zuzugeben: Hitler war kunsthistorisch recht gebildet. Zwar hat er es als Maler selbst nicht weit gebracht, doch das hielt ihn nicht davon ab, die Macht der Bilder für sich zu nutzen. Hitlers Propaganda umfasste nicht nur seine hitzigen, gebrüllten Reden, sondern auch Film- und Fotoaufnahmen, die bis ins kleinste Detail inszeniert waren. Ganze Bauwerke wurden eigens für die Repräsentation der Macht der Nationalsozialisten erschaffen. Hitlers Architektur knüpfte an die Antike an. Große Säulen, auf denen Hakenkreuz und Adler thronten. Amphitheater ähnliche Rotunden, die Hitler wortwörtlich auf den Sockel stellten. Von da aus nahm er dann altbewährte Posen ein. „Der Blick in die Ferne zeigt das Land, den Raum, den er beherrscht“, sagt Pascal und fährt fort: „dann aber steht er wieder inmitten von Menschen, das zeigt die Nähe zum Volk“. Hitler hatte alles genauestens geplant und hat dafür vermutlich das ein oder andere Mal ein Kunstgeschichtslehrbuch aufgeschlagen. Seine Inszenierungen waren basic, würde man heute sagen. Sie haben aber verlässlich gewirkt. Bis heute wirken einige verbliebene Nazi-Bauten einschüchternd und machtvoll.

Was Hitler konnte, konnten viele Herrscher vor ihm und auch heutzutage bedienen sich immer noch viele der bewährten Inszenierung von Bildern.

 

Auch Trump inszeniert- warum sein Familienfoto so peinlich ist

Ein Mann, der versehentlich einmal mächtig war, ist Donald Trump. Multi- Millionär oder -Milliardär, je nachdem wen man fragt, mit schickem Tower, schicker Frau und Sohn. So hatte Trump sich wohl sein perfektes Familienfoto vorgestellt und ziemlich ähnlich setzte es die Celebrity-Fotografin Regine Mahaux auch um. Pascal beschreibt es so: „Ein überreich dekorierter Raum, der neobarock wirkt, sehr übersteigert, aber ganz offensichtlich neuzeitlich ist: bodentiefe Fenster und der Blick über New York.“ In der linken Ecke sitzt Donald Trump in einem Sessel, „etwas plüschig, man kennt’s“, wirft Pascal ein, hinter ihm steht Melania Trump, die Hand in die Hüfte gestützt mit wehendem Kleid. Rechts in der Ecke sitzt der kleine Barron Trump auf einem Plüsch Löwen. Seine Füße berühren den Boden nicht. Vor ihm ist ein Miniatur Fuhrpark aus Stretch Limousinen ausgebreitet. Er wirkt so gelangweilt und schläfrig, dass man befürchtet er könne jeden Moment von seinem Plüschtier rutschen. Dieses Foto ist eindeutig peinlich. Schaut man es an, überkommt einen bestenfalls ein Lachkrampf- oder eben eine große Welle Fremdscham.

„Das peinliche an diesem Foto ist die Unnatürlichkeit“, sagt Pascal. Das Foto ist offensichtlich als Familienfoto gewollt und genau das macht es so unaushaltbar: „das Kind sitzt rechts in der Ecke, Mama und Papa links. Mama ist vor allem ein Jagdobjekt. Das ist irritierend, aber auch ein Ausdruck von Macht.“ Alles im Bild zitiert klischeehafte Merkmale der Macht. Donald Trumps „Plüschsessel“ ist an einen Thron angelehnt, Barrons Sitzgelegenheit nicht ohne Grund ein Löwe, der „König der Tiere“. Melania ist die perfekte Gattin und Trophäe Trumps, deren Unnatürlichkeit durch das Wehen ihres Kleides verstärkt ist, was etwas irritierend ist, da es im geschlossenen Apartment vermutlich nicht derartig windet.

Die Unnatürlichkeit der Figuren wird vom Hintergrund aufgenommen. Pascal spricht es an: „Diese galoppierende Geschmacklosigkeit im Hintergrund. Diese pseudo neo-barocke Einrichtung, von der jeder weiß, dass sie durchgefaked ist von vorne bis hinten.“ Er fährt fort: „Wir wissen genau, was es zitiert: das ist Versailles. Aber: man ist kein Schlossherr.“

Mit diesem Satz trifft Pascal den entscheidenden Punkt: Donald Trump ist kein eleganter, erhabener Schlossherr. Sein schiefes Lächeln, die gelben Haare und die entrückt wirkende Frau und Sohn passen irgendwie nicht rein.

Trump Family, Screenshot aus der Zoom-Konferenz mit Pascal und Freya

Wir haben die Macht über Euch- Manipulieren und retuschieren, auch auf Instagram

Ob der Profi-Fotografin die Peinlichkeit ihrer Aufnahme bewusst ist? Bewusst hat sie jedenfalls die einzelnen Attribute im Bild und die Haltung der Personen gewählt. Bei den Trumps ist dabei ein schrecklich peinliches „Familienfoto“ entstanden. Das Manipulieren, Inszenieren und Werkeln an Fotoaufnahmen kommt aber immer wieder vor und ist äußerst machtvoll. Tagtäglich schnippeln wir an unseren Instagram Fotos herum, retuschieren Selfies, beschneiden Aufnahmen. „Wir wählen den Ausschnitt. Darüber haben wir schon Macht“, sagt Pascal. Es geht darum, was andere Leute zu sehen bekommen. Das gilt bei Instagram Fotos und Selfies wie bei Aufnahmen von Ereignissen. Pressefotos oder Aufnahmen aus Katastrophengebieten können durch das Wählen eines Ausschnitts erheblich beeinflusst und verändert werden.

Ein Beispiel dafür sprechen wir in der aktuellen Folge an.

Kunst war und ist also ein beliebtes Mittel zur Macht. Inszenierungen, Details und Bildausschnitte zeigen Macht. Und durch geschicktes Manipulieren von Bildern, haben wir die Macht über das, was andere wahrnehmen. Das Bild- ein nicht zu unterschätzendes Medium, das uns immer wieder begegnet und beeinflusst.

Hört Euch gerne die aktuelle Folge zu solchen Machtbildern an- überall, wo’s Podcasts gibt!

*Pascal Heß

Ist selbstständiger Kunsthistoriker, Museumspädagoge und Hochschuldozent. Er bietet immer wieder Online-Seminare und Präsenz-Führungen in Museen zu aktuellen wie auch bewährten Themen der Kunst an.

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„Sieht nen bisschen aus wie Candy Crush“

Digitale Kunst- VR, NFT und Candy Crush

 

NFTs, VR-Brillen, Bildschirme und ein nackter Elon Musk auf einem japanischem Shiba Hund- verrückt!

Das ist die Welt der digitalen Kunst. Wieso erschafft man virtuelle Welten? Macht digitale Kunst uns demokratischer? Und was hat Candy Crush damit zu tun?!

 

Darüber habe ich in der aktuellen Folge des Minerva Podcasts mit Manuel Rossner* gesprochen.

Die Welt steht Kopf. So kommt es mir zumindest vor während meiner Recherche zum Thema digitale Kunst. Digitale Kunst ist so viel: von Bildschirmanimationen zu virtuellen Skulpturen im Park, originaltreu nachgebauten Kunstgalerien im Internet bis zu Elon Musk und seinem legendären Twitter Account, bei dem es längst um mehr als ein paar Scherze eines verrückten Unternehmers geht. Digitale Kunst ist ganz anders als analoge Kunst. Sie hat nicht den festen Rahmen des Kunstmarkts mit Museum, Galerie und Auktionshaus, in dem sie sich bewegt. Sie ist viel diffuser- dadurch aber auch freier? Digitale Kunst können NFTs sein, die auf Trading Plattformen von jedem und jeder angeboten und gekauft werden können. Aber auch Virtual Reality (kurz VR) Installationen, die sich in einem Museum befinden und nur mit VR Brillen von den Besucher:innen betrachtet werden können. Gemeinsam haben alle Formen digitaler Kunst jedoch, dass sie am Computer kreiert wurden und nur über das Medium Bildschirm funktionieren. Ohne Bildschirm keine digitale Kunst.

 

Der Bildschirm- Tor zu einer anderen Welt

Erst durch einen Bildschirm werden neue Welten erschaffen. Parallelwelten zu unserer analogen Welt. „Ich kann meine eigene virtuelle Welt komplett neu erfinden, in der analogen Welt kann man nicht mehr viel verändern“, sagt Manuel Rossner. Ihn reizt die „neue Materialität“ des Digitalen. Seine virtuellen Welten kann er gestalten, wie er möchte. Manuels Werke haben quietsch bunte Farben, glänzend glatte Oberflächen und geschmeidige Formen. Da ist nichts kantig, alle Ecken sind abgerundet, die Formen schweben plastisch im Raum und integrieren sich perfekt in ihre Umwelt. Keine Form scheint fehl am Platz oder unangenehm anzusehen. In Manuels Welt ist alles stimmig. Auf beruhigende Art und Weise pulsieren seine pinken und hellblauen Farbwülste und Kaugummiblasen ähnliche Kugeln in ihrer Umgebung und erfüllen sie mit Leben. Das Virtuelle wird lebendig und lädt ein, hinzusehen. Besonders interessant ist Manuels Arbeit „Hotfix“. Zu sehen ist ein Standfoto des Fernsehturms in Berlin- einer der Hotspots der bewegten, lebendigen, chaotischen Stadt. Hier jedoch steht der Fernsehturm still, in kühles grau getaucht. Stattdessen rankt sich geschmeidig eine hellblaue Farbwulst um den Turm herum. Wie Knospen aus einem Stängel ragen fliederfarbene Blasen aus ihr heraus und pulsieren wie Kaugummiblasen, die aufgeblasen werden und sich wieder zusammenziehen. Das Virtuelle lebt, es pulsiert wie ein Herzschlag, wie eine Stadt voller Menschen. Das Analoge jedoch liegt still. Diese Verschmelzung von analog und digital, die Manuel hier mühelos gelingt, zeigt deutlich, welche Rolle die neuen Technologien heute für uns spielen.

 

 

Schöne neue Welt- Candy Crush macht’s möglich

Eine Welt ohne Handy, Laptop und Internet wäre heute unvorstellbar. Vor allem das Corona Virus hat uns gezeigt, wie viel das Digitale möglich machen kann- wenn man sich ihm annimmt. Schon immer haben Menschen von anderen Welten geträumt- Elon Musk und viele andere träumen immer noch von Urlaubswelten für Superreiche auf dem Mars- nun haben die neuen Technologien das Spektrum unserer Welt vergrößert. „Ich versuche eine Form zu finden für diese neue Materialität“, sagt Manuel. „Dafür will ich eine Ästhetik finden, die dem gerecht wird“. Daher die knallbunten Farben in seinen Werken, erklärt er: „Sieht nen bisschen aus wie Candy Crush. Aber es ist so, dass wenn man programmiert, alle Teile vom Code unterschiedlich farblich dargestellt sind, damit man sie auseinanderhalten kann.“ Denn häufig vergisst man es: das Ganze hat ziemlich viel mit Mathe und Physik zu tun.

„Es ist wirklich ein bisschen Oberstufenmathe vom Computer ausgeführt“ erklärt Manuel und ich stöhne verzweifelt auf. Er lacht und erzählt weiter: „Dann wird auch noch Physik simuliert. Man kann also etwas fallen lassen und das trifft den Boden relativ realistisch“. Digitale Kunst fordert also eine neue Art von Künstler:in. Schon in der Renaissance wurde berechnet und mit dem Zirkel gezeichnet. Jetzt jedoch erschafft die Software, was sich der oder die Künstler:in ausgedacht hat. Wird der Künstler als Figur dadurch vom Genie-Gedanken befreit? Manuel sieht es tatsächlich so: der oder die Künstler:in ist kein Genie, das erschafft. „Es stecken so viele Menschen hinter der Software, da ist man nicht allein. Wenn man ein Problem hat, postet man es wie Gameentwickler in der Open Source Community“. Ein virtuelles Kunstwerk ist also Teamwork- die Softwareentwickler:innen liefern das passende Werkzeug und die Community Beistand und Hilfe bei technischen Fragen.  

Verändert sich dadurch nicht auch die Kunstwelt? Wird Kunst dadurch, dass viele Menschen beteiligt sind und alle, die einen Bildschirm besitzen, an ihr teilhaben können, demokratischer?

Leonardo Da Vinci- der Mensch

 

Demokratie- das Ende des analogen Kunstmarkts?

Das ist ein häufig aufgeführter Vorteil von Kryptowährungen wie Bitcoin oder Etherium und dadurch auch von NFTs, die erst zu Originalen werden, wenn sie auf der Blockchain als solche eingetragen sind. Ein demokratischer Kunstmarkt für alle? Das wäre so ziemlich das Gegenteil vom etablierten analogen Kunstmarkt. „Die Welt der digitalen Kunst ist unabhängig vom gängigen Kunstmarkt entstanden“ sagt Manuel. Viele Akteur:innen beäugen die digitale Kunst immer noch kritisch, weil sie die Ordnung der etablierten Kunstwelt über den Haufen wirft. Digitale Kunst braucht keine Auktionshäuser mehr. Ihre Trading Plattformen sind Galerie und Auktionshaus in einem. Außerdem sind viele NFTs (noch) sehr erschwinglich und wechseln schnell und ohne Probleme den Besitzer. Tradings sind leichter, nicht mit solch einem großen Mysterium verbunden und dadurch transparenter. Manuel wirft ein: „einige große Auktionshäuser zeigen schon Interesse, wie auf dem physischen Kunstmarkt läuft es aber nicht ab“. Macht die Digitalisierung uns demokratischer? Ist digitale Kunst gleichzeitig auch demokratischere Kunst? NFTs sind gerade sehr im Hype und jede und jeder könnte eine Animation erstellen und sie als NFT verkaufen. Ob das jedoch als „Kunst“ aufgefasst wird, hängt immer noch von Etablissements wie den Auktionshäusern Sotheby’s, Christie’s oder Galerien und Museen wie die einflussreiche König Galerie in Berlin oder dem NRW-Forum ab- die beide schon mit Manuel kooperiert und seine Werke gezeigt haben. Wer also wirklich durchstarten will in der digitalen Kunstwelt, der muss wieder gut connected, Beziehungen haben, auffallen und qualitativ hochwertig sein.

 

Screenshot NFT Trading Plattform Opensea.io

 

Vielleicht vollzieht sich aber ein anderer Wandel, den die Kunstwelt dringend braucht: mehr junge Menschen werden auf Kunst aufmerksam. Denn nun ist sie digital, virtuell, strahlend und aktuell. Natürlich mag manch einer dennoch die guten Alten Meister vorziehen, aber auch die Kunst geht mit der Zeit. Die Kunst entdeckt mit uns gemeinsam neue, virtuelle Räume, die diese Welt erweitern und erschafft somit vielleicht auch einen erweiterten Raum für Diskussionen, Austausch und Inklusion in der Gesellschaft.

Das Thema digitale Kunst wird uns weiterhin begleiten. Nicht zuletzt werden wir durch Elon Musks Twitteraccount wohl stets bestens über Krypto und augmented Reality informiert sein- oder Ihr folgt einfach dem Minerva Podcast auf Instagram und erfahrt so das neueste über Kunst und Gesellschaft! 

 

 

 

 

*Manuel Rossner

Foto: @jo.frotastic

 

Ist Künstler und Kurator von digitaler Kunst. Mit seiner interaktiven, digitalen Archtiektur beobachtet er dem technologischen Fortschritt und dessen Auswirkung auf unsere Gesellschaft. Er stellte bereits in Berlin, Frankfurt, Hamburg, Zürich, Tokio und Paris aus.

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Schönheitsideale von der Steinzeit bis Social Media

Kendall oder Kylie? Trainiert oder Curvy? Wie haben sich unsere Schönheitsideale gewandelt? Und warum ist Body Positivity heutzutage alles andere als empowernd?

Darüber habe ich in der aktuellen Folge des Minerva Podcasts mit Anuschka Rees* gesprochen. 

Schönheitsideale gibt es, seitdem es Menschen gibt. Betrachtet man die Kunstgeschichte, die seit Beginn der Menschheit eine Art Spiegel der Gesellschaft ist, beobachtet man einen ständigen Wechsel von Schönheitsidealen. Jede kunstgeschichtliche Epoche verzeichnet ihr eigenes Schönheitsideal, dass Künstler:innen ihrer Zeit mit Farbe und Pinsel auf der Leinwand festgehalten haben. Spannend ist da vor allem zu sehen, wie sich die Extreme von einer Epoche in die andere abwechseln: Mal ist der ideale Körper Spindel dürr, dann ist er gut trainiert und muskulös, dann wiederum gibt er sich gut gesättigt und Speckfalten an Bauch und Kinn sind ein Muss, um dem Ideal zu entsprechen.

Verrückt, wie die Menschen sich immer wieder ein Ideal heraussuchen, an dem sie festhalten, das in den nächsten 20 Jahren aber schon wieder ganz anders aussehen kann! Letztendlich zeigt das nur, dass es eine Bandbreite an Figuren und es damit nicht den einen perfekten Körper gibt.

Schönheitsideale in der Kunstgeschichte

Die lange wechselhafte Geschichte unserer Schönheitsideale nimmt ihren Ursprung in den Höhlen der Steinzeitmenschen. Vor gut 25.000 Jahren schnitzte ein früher Künstler (oder eine frühe Künstlerin?) an einer kleinen Figur von gerade mal 11cm, die später als legendärer Fund gelten sollte. Die auf den Namen „Venus von Willendorf“ getaufte Figur stellt eine nackte Frau mit ausgeprägten Brüsten, Oberschenkeln und Bauch dar. Wikipedia beschreibt sie als „adipöse Frau“. Die vermeintliche Fettleibigkeit der Figur steht aber gar nicht im Vordergrund. Vielmehr sind ihre „Kurven“ Ausdruck von Fruchtbarkeit. Sie ist vermutlich stilisiert, ihre sexuellen Zonen übertrieben hervorgehoben. Doch genau das zeigt uns, welches Körperideal schon damals (zumindest für die Frau) existierte: Fruchtbarkeit sollte deutlich sichtbar sein.

Venus von Willendorf

Von dieser ersten Berührung mit Körperidealen, machen wir einen Sprung zur Blütezeit der Kunst und des dargestellten Körpers- der Renaissance.

Die Renaissance- Künstler:innen orientierten sich an den alten Meistern der Antike und ahmten auch ihre Vorstellung des idealen Körpers nach. Am wichtigsten waren dabei die Proportionen. Alles sollte sich in das Gesamtbild einfügen. Alle Körperteile sollten zueinander passen. Die Venus von Willendorf wäre damals verschmäht worden. Sinnbild für dieses Ideal, sowohl bei Frauen, als auch bei Männern, ist Sandro Botticellis „Primavera“.

Primavera von Botticelli

Auf die beinahe mathematisch exakt berechneten, stimmigen Körper der Renaissance, folgen die wohlgenährten Körper des Barock, denen wir heutzutage so manche „Problemstellen“ attestieren würden. Die in vielen Bildern dargestellten liegenden Frauen mit fülligen Bäckchen und leichtem Doppelkinn oder der wetternde Weingott Bacchus mit regelrechten Bierbauch, werden nach dem Barock-Künstler Peter Paul Rubens „Rubensfiguren“ genannt- sie sind sinnbildlich für die Schönheitsideale des Barocks.

Bachhus Darstellung

Man sieht: verschiedene Epochen, verschiedene Ideale. Schaut man auf die Moderne und vor allem die 90er Jahre, sieht man nur noch Models, die „Size Zero“ tragen. 2010 kommen dann die Schönheits-Ops dazu, wie der Brazilian Butt Lift, die eine schmale Wespentaille und einen großen runden Po modellieren.

Was verändert Social Media?

Von einem Extrem ins andere, das war schon immer so. Wenn es aber schon immer Schönheitsideale gab, warum ist es dann ausgerechnet heute so, dass immer mehr Menschen an den ihn auferlegten Idealen zugrunde gehen? Social Media spielt da verschiedene Rollen.

„Schönheitsideale an sich sind nicht das Problem“, sagt Anuschka Rees*, „was sich verändert hat ist, dass uns allen das Ideal heute als viel relevanter für unser Leben erscheint“. Das ist das Problem. Wenn wir dem Ideal nicht entsprechen, ist unser Leben weniger lebenswert, das zumindest denken sich (unterbewusst) viele von uns. Suggeriert wird uns das vor allem durch Social Media. Das gefährliche sind vor allem die unrealistischen Schönheitsideale, die uns zum Beispiel die Kardashians auf ihren Social Media Accounts präsentieren. Niemand kann durch natürliche Mittel Kims Wespentaille oder ihren XXL- Hintern erreichen. Das geht nur mit einem Brazilian Butt Lift: der am meisten durchgeführten Schönheitsoperation der Welt- und by the way auch der lebensgefährlichsten. Wenn wir also dem Ideal entsprechen wollen, das heißt so wie Kim Kardashian oder Kylie Jenner aussehen wollen, dann müssen wir uns unter’s Messer legen. „Und da wird’s für mich problematisch, wenn das Schönheitsideal nicht mehr dem menschlichen Körper entspricht“, sagt Anuschka Rees.

Schönheit als Klassenfrage

Kim Kardashian und ihre Wespentaille

Hinzu kommt, das Schönheits-OPs verdammt teuer sind- zumindest, wenn sie hochwertig sein sollen. Jährlich sterben Frauen aus ärmeren Verhältnissen an ihren billigen OPs, weil sich beispielsweise Entzündungen nach einem Brazilian Butt Lift mit schlechten Implantaten ausbilden. Wer schön sein will, muss also zwangsläufig Geld in die Hand nehmen- und wer überleben möchte, der muss noch ordentlich drauflegen.

Body Positivity- wirklich eine gute Idee?

Body Positivity auf Instagram

Warum denn dann nicht einfach seinen eigenen Körper so schön finden, wie er ist- ohne OP, ohne Mager-Diätplan, dafür mit Dehnungsstreifen, Narben und Speckröllchen? Dafür plädiert die Body Positivity Bewegung vor allem auf Instagram.

„Wir haben der Body Positivity Bewegung extrem viel zu verdanken, aber heutzutage hat sie sich verselbstständigt und wird vom Mainstream nicht mehr richtig verstanden“, meint Anuschka Rees. „Früher ging es in der Bewegung nicht um Schönheit, sondern um Respekt“. Ihrer Meinung nach hat sich vieles zum Besseren entwickelt durch Body Positivity und vor allem durch Social Media. „Doch mittlerweile geht es nicht mehr grundsätzlich um Respekt, sondern um Schönheitsideale. Das ist problematisch, weil es uns suggeriert, dass Schönheit immer noch sehr essenziell ist“. Anuschka Rees plädiert in ihrem Buch „Beyond Beautiful“ dagegen, seinen Körper ständig „zu feiern“. Niemand kann sich und seinen Körper immer lieben. Niemand findet sich immer schön. Das muss man auch gar nicht. Es ist ok sich nicht immer wunderschön zu finden, sagt Anuschka. Das Ziel ist für sie, gut mit sich und seinem Körper klarzukommen und die eigene Schönheit nicht immer zelebrieren zu müssen. „Der Anspruch sollte sein: ich bin ok mit meinem Körper und konzentriere mich jetzt nicht den ganzen Tag darauf, weil ich ja auch noch anderes zu tun habe!“. Diese Einstellung vom „ok“-Sein findet sich unter dem Begriff Body Neutrality wieder. Er ist kein Aufruf, sich nicht mit seinem Körper zu beschäftigen und sich nicht schön zu finden. Vielmehr nimmt er uns den Druck, uns und unseren Körper immer abfeiern zu müssen. Auch Posts ohne Make-up und Six-Pack sind mittlerweile zum Glück immer öfter auf Instagram zu finden. Besonders beliebt sind Bilder, unter denen die Influencer:innen schreiben: „not a before, not an after“. Dadurch suggerieren sie mehr Natürlichkeit- um den Körper dreht es sich aber immer noch. Mal sehen, ob und wie sich die Body Neutrality also in den Medien und der Gesellschaft durchsetzen wird.   

Schönheitsideale gehören zu uns Menschen dazu und werden uns immer begleiten. Doch nicht zuletzt die Kunstgeschichte zeigt uns, dass es in dieser Welt einen Platz für viele verschiedene Körper und Formen gibt- und, dass es noch viele weitere interessante Themen gibt, denen man sich seine Zeit widmen kann; hört Euch also unbedingt die nächsten Folgen des Minerva-Podcasts an, um mehr zu Kunst und Gesellschaft zu entdecken! ; )

 

* Anuschka Rees

Ist freie Autorin und hat bisher zwei Bücher veröffentlicht: „The curated closet“ und „Beyond Beautiful“, die beide jeweils in mehr als vier Sprachen übersetzt wurden. Sie hat Sozialpsychologie studiert und lebt in Berlin.