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Queere Kunst- warum wir zu lange weggeschaut haben

Queere Kunst! Die gab es schon immer. So, wie es auch schon immer Menschen gab, die sich als queer geoutet oder empfunden haben. Dennoch wird teilweise bis heute die queere Kunstgeschichte totgeschwiegen. Dabei gab es schon früher Codes, die Künstler:innen in ihren Bildern verwendet haben, um ihre sexuelle Orientierung auszudrücken. Wie sah queere Kunst früher aus? Wie wichtig ist die sexuelle Orientierung von Künstler:innen? Darüber rede ich in der aktuellen Folge des Minerva-Podcasts mit Katharina Faller*

Foto: Sappho und Lesbos, Antike Darstellung- Enge Freundinnen oder ein lesbisches Paar?

Die lila Jungs

Die Kunstgeschichte ist voller Darstellungen gleichgeschlechtlicher Paare, die man mit einem offenen Blick als queer bezeichnen würde. Häufig jedoch tun sich Kunsthistoriker:innen schwer mit diesem Begriff. Zwei sich küssende, nackte Frauen nennen sie lieber „enge Freundinnen“ oder „Vertraute“. Ein eng umschlungenes männliches Paar „Brüder“. Viele queere Beziehungen in der Kunstgeschichte auf der Leinwand oder von den Künstler:innen selbst, werden teilweise „aktiv unsichtbar gemacht“, sagt Katharina. Die bewusst auf ein rein freundschaftliches Verhältnis beschränkte Wortwahl schließt jegliche Überlegungen zu einer gleichgeschlechtlichen Beziehung von vornerein aus.

Dennoch gab es sie, queere Beziehungen und Personen, die Ausdruck auf der Leinwand gefunden haben. Da es aber häufig sehr schwierig, wenn nicht gefährlich war (und teilweise noch ist), sich als queer zu outen, benutzten Künstler:innen bestimmte Codes in ihren Bildern. „Es klingt klischeehaft, aber die Farbe Lila stand tatsächlich für schwule Männer, genauso wie ein offenes Hemd, auffälliges Schuhwerk oder ein Taschentuch. Lila Astern, die Blumen, waren das Symbol lesbischer Frauen“, erklärt Katharina. „Das sind zum Teil winzige Details, die man nicht erkennt, wenn man nicht von ihnen weiß!“ – oder sie werden als etwas komplett anderes interpretiert. So wird ein Taschentuch zum Abschiedssymbol und verlässt  schnell den queeren Deutungsraum. Klar, viele Künstler:innen wie etwa Lotte Laserstein, Frida Kahlo oder Michelangelo haben sich bis zu ihrem Lebensende nie öffentlich geoutet. Ihnen wird gleichsam nachgesagt, queer gewesen zu sein, ohne, dass man sie danach fragen könnte. Jedoch haben beispielsweise alle drei genannten Künstler:innen gleichgeschlechtliche Beziehungen und Affären geführt, von denen berichtet wird. Sie selbst haben sich aber nicht geoutet und somit kann man sie nicht einfach als queer betiteln. Doch beschäftigt man sich unvoreingenommen mit ihrem Privatleben, so ergeben sich völlig neue Erkenntnisse jenseits der heterosexuellen Ehen, die sie auf dem Papier führten, und plötzlich eröffnen sich neue Sichtweisen auf ihre künstlerischen Werke.

Foto: Herbert Rolf Schlegel, ohne Titel, vermutlich Selbstporträt, 1950- mit Lila als Codefarbe
Foto: Lila Aster, Blumenart und Codezeichen

Schwul, lesbisch, bi- ist das denn so wichtig?

Heutzutage geht es im öffentlichen Diskurs viel um Gender-Themen. Sei es in der Sprache oder den Chefetagen großer Betriebe- das Thema Inklusion und Gender Diversity ist omnipräsent. Warum also heutzutage immer noch so absolut zweifeln an homosexuellen Beziehungen wichtiger Künstler:innen? Macht ihre sexuelle Orientierung sie etwa zu schlechteren Künstler:innen? Sollte die sexuelle Orientierung von Künstler:innen, ob hetero, cis oder queer, überhaupt eine Rolle spielen? Hier wären wir bei der altbekannten Frage der „Trennung von Autor und Werk“, in diesem Fall der Trennung von Künstler:innen und Werk. Sowohl in der bildenden Kunst, wie auch der Musik und Literatur wird diese Frage immer wieder heftig diskutiert:

Werden Emil Noldes Bilder zu schlechten Werken, weil er Nazi war? Darf man  Micheal Jacksons Lieder hören, obwohl ihm Kindesmissbrauch vorgeworfen wird? Ist Lotte Lasersteins Bild mit Traute Rose, ihrer langjährigen Freundin und vermutlich auch Geliebten, anders zu betrachten, wenn man davon ausgeht, dass die Künstlerin lesbisch war?

Foto: Lotte Laserstein und Traute Rose, ihr Lieblinsgmodell und vermutlich auch Lebensgefährtin

Schwere Fragen. Die Frage von „Autor und Werk“ lässt sich nicht absolut beantworten. Letztendlich gehören Künstler:innen und Kunstwerk zusammen und gleichzeitig sollten „gute“ Werke auch selbstständig in der Kunstgeschichte wirken können. Sollte man nun also jedes Mal betonen, ob die Künstler:innen einer Ausstellung hetero- oder homosexuell, cis- oder trans oder queer sind? „Es kommt drauf an“, sagt Katharina, „wenn es in dem Werk der Künstler:innen keineswegs um Sexualität und Identität geht wohl eher nicht. Wenn die Kunst aber genau das zum Thema hat, dann sollte man die Künstler:innen fragen, soweit sie noch leben, wie und ob ihre sexuelle Orientierung genannt werden soll“. Bei bereits verstorbenen Künstler:innen bleibt uns allerdings nur sorgfältige Recherche, Mutmaßungen und die Betrachtung ihrer Kunst mit einem offenen Blick. Denn wer offen ist, der findet zwar nicht immer eindeutige, schubladengerechte Lösungen. Doch eröffnet sich ihm eine Bandbreite an möglichen Ansätzen und Betrachtungen, die das Gesamtbild letztendlich viel detaillierter und vielleicht auch wahrheitsgetreuer gestaltet.

Foto: Michelangelo, Erschaffung Adams, 1510, sind Michelangelos Figuren Objekte der Begierde? War Michelangelo schwul? Der Künstler hatte einige Beziehungen zu Männern, fragen können wir ihn heute jedoch nicht mehr.

Queere Kunst ist und bleibt also ein Thema, zu dem man auf Spurensuche gehen kann und bei dem noch viele Fragen ungeklärt sind, über die man stundenlang diskutieren kann. Ein persönlicher Einwurf der Autorin: „Tun wir es! Diskutieren und streiten wir über endlose Fragen wie die Trennung von Autor und Werk und finden wir Ansätze und Lösungen, die uns alle als Mitglieder der Gesellschaft zusammenbringen!“ Denn auch beim Thema queere Kunst, gibt es noch viel zu sagen, zu diskutieren und aufzuarbeiten.  

Die ganze Folge findet Ihr auf allen gängigen Podcastplattformen unter „Minerva- Kunst und Gesellschaft“. Auf Instagram gibt es außerdem Posts, Fotos und Stellungnahmen zum Thema unter: @minerva_podcast. Viel Spaß beim Hören!

*Katharina Faller

Ist Kulturwissenschaftlerin und hat gerade ihre Masterarbeit in Museumsmanagement- und -Kommunikation geschrieben. Auf Instagram postet sie regelmäßig auf ihrem Kanal @kategoesmuseum aktuelle News, Angebote und Termine zu queerer Kunst.

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