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Von Versailles, über Hitler bis Donald Trumps Wohnzimmer- Macht im Bild

Es geht um Geld, viel Geld. Um Herrscher, Könige und die einflussreichsten Leute der Geschichte. Aber vor allem geht es um Macht.

Von den Medici über Ludwig den XIV. bis Donald Trump. Sie alle haben sich die Kunst zu Nutze gemacht, um ihre Macht zu demonstrieren. Doch wie kann ein Bild überhaupt Macht ausdrücken? Warum ist Trumps Familienfoto so peinlich? Und wie können Bildermacher:innen ganze Nationen manipulieren? Darüber habe ich in der aktuellen Folge des Minerva Podcasts mit Pascal Heß* gesprochen.

Einen Superreichen oder eine Superreiche stelle ich mir so vor: riesige Villa, eine Yacht im angrenzenden Hafenbecken, teuren Schmuck, viele einflussreiche Bekannte, aber vor allem eine beträchtliche Sammlung an Kunstwerken, die von den einflussreichen Bekannten betrachtet werden kann. Einen Monet über’m Klo und einen Hirst in der Küche. Oder so ähnlich. Wer reich ist, ist in unserer Gesellschaft auch mächtig. Das war schon immer so und schon immer wurde die Kunst als Mittel angesehen, um Macht nach außen zu tragen. „Das ist auch gut so“, sagt Pascal, „man brauchte die vermögenden Familien, um die Kunst zu finanzieren. Botticelli war Hofmaler der Familie de‘ Medici. Ohne die Medici hätten wir heute nicht viele Bilder von Botticelli“.

Wer also eine Künstlerin oder einen Künstler engagiert, um Kunst zu machen, der hat Geld. Wie aber können Formen und Farbe auf einer Leinwand Macht ausdrücken?

Alles hat eine Bedeutung- machtvolle Details auf der Leinwand

Um die Macht von simplen Details zu verstehen, muss man den Blick auf einen der eitelsten und vermutlich selbstverliebtesten Herrscher Europas werfen: Ludwig den XIV. Auch bekannt unter dem selbst gewählten Titel „Sonnenkönig“. Blendend, strahlend, grazil, allem überlegen und machtvoll wollte Frankreichs ehemaliger König sein und stolzierte daher nicht nur in Versailles auf den höchsten Absätzen des Hofes. Auch auf den Porträts des schimmernden Königs trägt er hohe Absätze und lief vermutlich mehrmals Gefahr, sich mit der Perücke an diversen Kronenleuchtern zu stoßen… Heutzutage können wir seine Absätze allenfalls als frühe Bekenntnis zur Geschlechtergerechtigkeit auffassen. Damals jedoch spielten genau diese Absätze eine erhebliche Rolle. „Nur Ludwig der XIV. durfte so hohe Absätze tragen. Er hatte die höchsten Absätze am ganzen Hofe“, erklärt Pascal. Absatz und Perücke strahlen also Größe aus. Das ist noch leicht zu verstehen. Betrachtet man die  geschickte Bildinszenierung nun genauer, erfasst man die Säule im Hintergrund, deren Sockel hinter einem Vorhang hervorlugt. „Die Säule steht für Stabilitas, also Stabilität und Macht“, erläutert Pascal und lässt während er spricht ganz den begeisterten Hochschuldozenten zum Vorschein kommen. Die Krone hat Ludwig beiseitegelegt, er muss sie nicht einmal aufsetzen, um Herrscher zu sein. Der Hermelinmantel und das Zepter sprechen für sich.

Die Inszenierung von Bildern beherrscht die Kunstwelt schon seit Ewigkeiten. Einige eindeutige kunsthistorische Merkmale ziehen sich immer weiter durch die Darstellungen mächtiger Menschen unserer Geschichte. So auch bei Adolf Hitler.

Hitler- Meister der Bildinszenierung

Auch, wenn es manch einem etwas weh tut, es zuzugeben: Hitler war kunsthistorisch recht gebildet. Zwar hat er es als Maler selbst nicht weit gebracht, doch das hielt ihn nicht davon ab, die Macht der Bilder für sich zu nutzen. Hitlers Propaganda umfasste nicht nur seine hitzigen, gebrüllten Reden, sondern auch Film- und Fotoaufnahmen, die bis ins kleinste Detail inszeniert waren. Ganze Bauwerke wurden eigens für die Repräsentation der Macht der Nationalsozialisten erschaffen. Hitlers Architektur knüpfte an die Antike an. Große Säulen, auf denen Hakenkreuz und Adler thronten. Amphitheater ähnliche Rotunden, die Hitler wortwörtlich auf den Sockel stellten. Von da aus nahm er dann altbewährte Posen ein. „Der Blick in die Ferne zeigt das Land, den Raum, den er beherrscht“, sagt Pascal und fährt fort: „dann aber steht er wieder inmitten von Menschen, das zeigt die Nähe zum Volk“. Hitler hatte alles genauestens geplant und hat dafür vermutlich das ein oder andere Mal ein Kunstgeschichtslehrbuch aufgeschlagen. Seine Inszenierungen waren basic, würde man heute sagen. Sie haben aber verlässlich gewirkt. Bis heute wirken einige verbliebene Nazi-Bauten einschüchternd und machtvoll.

Was Hitler konnte, konnten viele Herrscher vor ihm und auch heutzutage bedienen sich immer noch viele der bewährten Inszenierung von Bildern.

 

Auch Trump inszeniert- warum sein Familienfoto so peinlich ist

Ein Mann, der versehentlich einmal mächtig war, ist Donald Trump. Multi- Millionär oder -Milliardär, je nachdem wen man fragt, mit schickem Tower, schicker Frau und Sohn. So hatte Trump sich wohl sein perfektes Familienfoto vorgestellt und ziemlich ähnlich setzte es die Celebrity-Fotografin Regine Mahaux auch um. Pascal beschreibt es so: „Ein überreich dekorierter Raum, der neobarock wirkt, sehr übersteigert, aber ganz offensichtlich neuzeitlich ist: bodentiefe Fenster und der Blick über New York.“ In der linken Ecke sitzt Donald Trump in einem Sessel, „etwas plüschig, man kennt’s“, wirft Pascal ein, hinter ihm steht Melania Trump, die Hand in die Hüfte gestützt mit wehendem Kleid. Rechts in der Ecke sitzt der kleine Barron Trump auf einem Plüsch Löwen. Seine Füße berühren den Boden nicht. Vor ihm ist ein Miniatur Fuhrpark aus Stretch Limousinen ausgebreitet. Er wirkt so gelangweilt und schläfrig, dass man befürchtet er könne jeden Moment von seinem Plüschtier rutschen. Dieses Foto ist eindeutig peinlich. Schaut man es an, überkommt einen bestenfalls ein Lachkrampf- oder eben eine große Welle Fremdscham.

„Das peinliche an diesem Foto ist die Unnatürlichkeit“, sagt Pascal. Das Foto ist offensichtlich als Familienfoto gewollt und genau das macht es so unaushaltbar: „das Kind sitzt rechts in der Ecke, Mama und Papa links. Mama ist vor allem ein Jagdobjekt. Das ist irritierend, aber auch ein Ausdruck von Macht.“ Alles im Bild zitiert klischeehafte Merkmale der Macht. Donald Trumps „Plüschsessel“ ist an einen Thron angelehnt, Barrons Sitzgelegenheit nicht ohne Grund ein Löwe, der „König der Tiere“. Melania ist die perfekte Gattin und Trophäe Trumps, deren Unnatürlichkeit durch das Wehen ihres Kleides verstärkt ist, was etwas irritierend ist, da es im geschlossenen Apartment vermutlich nicht derartig windet.

Die Unnatürlichkeit der Figuren wird vom Hintergrund aufgenommen. Pascal spricht es an: „Diese galoppierende Geschmacklosigkeit im Hintergrund. Diese pseudo neo-barocke Einrichtung, von der jeder weiß, dass sie durchgefaked ist von vorne bis hinten.“ Er fährt fort: „Wir wissen genau, was es zitiert: das ist Versailles. Aber: man ist kein Schlossherr.“

Mit diesem Satz trifft Pascal den entscheidenden Punkt: Donald Trump ist kein eleganter, erhabener Schlossherr. Sein schiefes Lächeln, die gelben Haare und die entrückt wirkende Frau und Sohn passen irgendwie nicht rein.

Trump Family, Screenshot aus der Zoom-Konferenz mit Pascal und Freya

Wir haben die Macht über Euch- Manipulieren und retuschieren, auch auf Instagram

Ob der Profi-Fotografin die Peinlichkeit ihrer Aufnahme bewusst ist? Bewusst hat sie jedenfalls die einzelnen Attribute im Bild und die Haltung der Personen gewählt. Bei den Trumps ist dabei ein schrecklich peinliches „Familienfoto“ entstanden. Das Manipulieren, Inszenieren und Werkeln an Fotoaufnahmen kommt aber immer wieder vor und ist äußerst machtvoll. Tagtäglich schnippeln wir an unseren Instagram Fotos herum, retuschieren Selfies, beschneiden Aufnahmen. „Wir wählen den Ausschnitt. Darüber haben wir schon Macht“, sagt Pascal. Es geht darum, was andere Leute zu sehen bekommen. Das gilt bei Instagram Fotos und Selfies wie bei Aufnahmen von Ereignissen. Pressefotos oder Aufnahmen aus Katastrophengebieten können durch das Wählen eines Ausschnitts erheblich beeinflusst und verändert werden.

Ein Beispiel dafür sprechen wir in der aktuellen Folge an.

Kunst war und ist also ein beliebtes Mittel zur Macht. Inszenierungen, Details und Bildausschnitte zeigen Macht. Und durch geschicktes Manipulieren von Bildern, haben wir die Macht über das, was andere wahrnehmen. Das Bild- ein nicht zu unterschätzendes Medium, das uns immer wieder begegnet und beeinflusst.

Hört Euch gerne die aktuelle Folge zu solchen Machtbildern an- überall, wo’s Podcasts gibt!

*Pascal Heß

Ist selbstständiger Kunsthistoriker, Museumspädagoge und Hochschuldozent. Er bietet immer wieder Online-Seminare und Präsenz-Führungen in Museen zu aktuellen wie auch bewährten Themen der Kunst an.

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