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„Sieht nen bisschen aus wie Candy Crush“

Digitale Kunst- VR, NFT und Candy Crush

 

NFTs, VR-Brillen, Bildschirme und ein nackter Elon Musk auf einem japanischem Shiba Hund- verrückt!

Das ist die Welt der digitalen Kunst. Wieso erschafft man virtuelle Welten? Macht digitale Kunst uns demokratischer? Und was hat Candy Crush damit zu tun?!

 

Darüber habe ich in der aktuellen Folge des Minerva Podcasts mit Manuel Rossner* gesprochen.

Die Welt steht Kopf. So kommt es mir zumindest vor während meiner Recherche zum Thema digitale Kunst. Digitale Kunst ist so viel: von Bildschirmanimationen zu virtuellen Skulpturen im Park, originaltreu nachgebauten Kunstgalerien im Internet bis zu Elon Musk und seinem legendären Twitter Account, bei dem es längst um mehr als ein paar Scherze eines verrückten Unternehmers geht. Digitale Kunst ist ganz anders als analoge Kunst. Sie hat nicht den festen Rahmen des Kunstmarkts mit Museum, Galerie und Auktionshaus, in dem sie sich bewegt. Sie ist viel diffuser- dadurch aber auch freier? Digitale Kunst können NFTs sein, die auf Trading Plattformen von jedem und jeder angeboten und gekauft werden können. Aber auch Virtual Reality (kurz VR) Installationen, die sich in einem Museum befinden und nur mit VR Brillen von den Besucher:innen betrachtet werden können. Gemeinsam haben alle Formen digitaler Kunst jedoch, dass sie am Computer kreiert wurden und nur über das Medium Bildschirm funktionieren. Ohne Bildschirm keine digitale Kunst.

 

Der Bildschirm- Tor zu einer anderen Welt

Erst durch einen Bildschirm werden neue Welten erschaffen. Parallelwelten zu unserer analogen Welt. „Ich kann meine eigene virtuelle Welt komplett neu erfinden, in der analogen Welt kann man nicht mehr viel verändern“, sagt Manuel Rossner. Ihn reizt die „neue Materialität“ des Digitalen. Seine virtuellen Welten kann er gestalten, wie er möchte. Manuels Werke haben quietsch bunte Farben, glänzend glatte Oberflächen und geschmeidige Formen. Da ist nichts kantig, alle Ecken sind abgerundet, die Formen schweben plastisch im Raum und integrieren sich perfekt in ihre Umwelt. Keine Form scheint fehl am Platz oder unangenehm anzusehen. In Manuels Welt ist alles stimmig. Auf beruhigende Art und Weise pulsieren seine pinken und hellblauen Farbwülste und Kaugummiblasen ähnliche Kugeln in ihrer Umgebung und erfüllen sie mit Leben. Das Virtuelle wird lebendig und lädt ein, hinzusehen. Besonders interessant ist Manuels Arbeit „Hotfix“. Zu sehen ist ein Standfoto des Fernsehturms in Berlin- einer der Hotspots der bewegten, lebendigen, chaotischen Stadt. Hier jedoch steht der Fernsehturm still, in kühles grau getaucht. Stattdessen rankt sich geschmeidig eine hellblaue Farbwulst um den Turm herum. Wie Knospen aus einem Stängel ragen fliederfarbene Blasen aus ihr heraus und pulsieren wie Kaugummiblasen, die aufgeblasen werden und sich wieder zusammenziehen. Das Virtuelle lebt, es pulsiert wie ein Herzschlag, wie eine Stadt voller Menschen. Das Analoge jedoch liegt still. Diese Verschmelzung von analog und digital, die Manuel hier mühelos gelingt, zeigt deutlich, welche Rolle die neuen Technologien heute für uns spielen.

 

 

Schöne neue Welt- Candy Crush macht’s möglich

Eine Welt ohne Handy, Laptop und Internet wäre heute unvorstellbar. Vor allem das Corona Virus hat uns gezeigt, wie viel das Digitale möglich machen kann- wenn man sich ihm annimmt. Schon immer haben Menschen von anderen Welten geträumt- Elon Musk und viele andere träumen immer noch von Urlaubswelten für Superreiche auf dem Mars- nun haben die neuen Technologien das Spektrum unserer Welt vergrößert. „Ich versuche eine Form zu finden für diese neue Materialität“, sagt Manuel. „Dafür will ich eine Ästhetik finden, die dem gerecht wird“. Daher die knallbunten Farben in seinen Werken, erklärt er: „Sieht nen bisschen aus wie Candy Crush. Aber es ist so, dass wenn man programmiert, alle Teile vom Code unterschiedlich farblich dargestellt sind, damit man sie auseinanderhalten kann.“ Denn häufig vergisst man es: das Ganze hat ziemlich viel mit Mathe und Physik zu tun.

„Es ist wirklich ein bisschen Oberstufenmathe vom Computer ausgeführt“ erklärt Manuel und ich stöhne verzweifelt auf. Er lacht und erzählt weiter: „Dann wird auch noch Physik simuliert. Man kann also etwas fallen lassen und das trifft den Boden relativ realistisch“. Digitale Kunst fordert also eine neue Art von Künstler:in. Schon in der Renaissance wurde berechnet und mit dem Zirkel gezeichnet. Jetzt jedoch erschafft die Software, was sich der oder die Künstler:in ausgedacht hat. Wird der Künstler als Figur dadurch vom Genie-Gedanken befreit? Manuel sieht es tatsächlich so: der oder die Künstler:in ist kein Genie, das erschafft. „Es stecken so viele Menschen hinter der Software, da ist man nicht allein. Wenn man ein Problem hat, postet man es wie Gameentwickler in der Open Source Community“. Ein virtuelles Kunstwerk ist also Teamwork- die Softwareentwickler:innen liefern das passende Werkzeug und die Community Beistand und Hilfe bei technischen Fragen.  

Verändert sich dadurch nicht auch die Kunstwelt? Wird Kunst dadurch, dass viele Menschen beteiligt sind und alle, die einen Bildschirm besitzen, an ihr teilhaben können, demokratischer?

Leonardo Da Vinci- der Mensch

 

Demokratie- das Ende des analogen Kunstmarkts?

Das ist ein häufig aufgeführter Vorteil von Kryptowährungen wie Bitcoin oder Etherium und dadurch auch von NFTs, die erst zu Originalen werden, wenn sie auf der Blockchain als solche eingetragen sind. Ein demokratischer Kunstmarkt für alle? Das wäre so ziemlich das Gegenteil vom etablierten analogen Kunstmarkt. „Die Welt der digitalen Kunst ist unabhängig vom gängigen Kunstmarkt entstanden“ sagt Manuel. Viele Akteur:innen beäugen die digitale Kunst immer noch kritisch, weil sie die Ordnung der etablierten Kunstwelt über den Haufen wirft. Digitale Kunst braucht keine Auktionshäuser mehr. Ihre Trading Plattformen sind Galerie und Auktionshaus in einem. Außerdem sind viele NFTs (noch) sehr erschwinglich und wechseln schnell und ohne Probleme den Besitzer. Tradings sind leichter, nicht mit solch einem großen Mysterium verbunden und dadurch transparenter. Manuel wirft ein: „einige große Auktionshäuser zeigen schon Interesse, wie auf dem physischen Kunstmarkt läuft es aber nicht ab“. Macht die Digitalisierung uns demokratischer? Ist digitale Kunst gleichzeitig auch demokratischere Kunst? NFTs sind gerade sehr im Hype und jede und jeder könnte eine Animation erstellen und sie als NFT verkaufen. Ob das jedoch als „Kunst“ aufgefasst wird, hängt immer noch von Etablissements wie den Auktionshäusern Sotheby’s, Christie’s oder Galerien und Museen wie die einflussreiche König Galerie in Berlin oder dem NRW-Forum ab- die beide schon mit Manuel kooperiert und seine Werke gezeigt haben. Wer also wirklich durchstarten will in der digitalen Kunstwelt, der muss wieder gut connected, Beziehungen haben, auffallen und qualitativ hochwertig sein.

 

Screenshot NFT Trading Plattform Opensea.io

 

Vielleicht vollzieht sich aber ein anderer Wandel, den die Kunstwelt dringend braucht: mehr junge Menschen werden auf Kunst aufmerksam. Denn nun ist sie digital, virtuell, strahlend und aktuell. Natürlich mag manch einer dennoch die guten Alten Meister vorziehen, aber auch die Kunst geht mit der Zeit. Die Kunst entdeckt mit uns gemeinsam neue, virtuelle Räume, die diese Welt erweitern und erschafft somit vielleicht auch einen erweiterten Raum für Diskussionen, Austausch und Inklusion in der Gesellschaft.

Das Thema digitale Kunst wird uns weiterhin begleiten. Nicht zuletzt werden wir durch Elon Musks Twitteraccount wohl stets bestens über Krypto und augmented Reality informiert sein- oder Ihr folgt einfach dem Minerva Podcast auf Instagram und erfahrt so das neueste über Kunst und Gesellschaft! 

 

 

 

 

*Manuel Rossner

Foto: @jo.frotastic

 

Ist Künstler und Kurator von digitaler Kunst. Mit seiner interaktiven, digitalen Archtiektur beobachtet er dem technologischen Fortschritt und dessen Auswirkung auf unsere Gesellschaft. Er stellte bereits in Berlin, Frankfurt, Hamburg, Zürich, Tokio und Paris aus.

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